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Dorfgemeinschaft: Karl Wünsch erinnert sich an das Kriegsende 1945

200428 Karl Wünsch01 Foto04a„Bub sei still, die Amerikaner sind gleich da“ – Eindrücke verblassen, die Erinnerung bleibt - Wie ein Vagener die letzten Wochen vor dem Ende des 2. Weltkrieges erlebte

Am 8. Mai jährt sich das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa bereits zum 75. Mal. Besonders bei der älteren Generation werden gerade jetzt wieder Erinnerungen wach, Kindheitserinnerungen an eine Zeit, die nicht in Vergessenheit geraten darf.

Auch  Karl Wünsch (85), unser geschätzter ehemaliger Vagener Pressewart, erinnert sich noch gut an die letzten Wochen vor Kriegsende, als die deutsche Wehrmacht bedingungslos kapitulierte und Deutschland vom Nationalsozialismus befreit wurde. „Ich war ein Schulbub von zehn Jahren und lebte damals in Beyharting bei einer Pflegefamilie. Die Zeit des Zusammenbruchs Deutschlands und seiner Armee habe ich schon recht bewusst miterlebt. Besonders als ich die zurückflutenden Kolonnen deutscher Soldaten auf der am Elternhaus vorbeiführenden Straße beobachtete.“

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Obgleich die Menschen die Gewissheit des herannahenden Kriegsendes in den letzten Apriltagen des Jahres 1945 spürten, laut aussprechen durften sie es in der Öffentlichkeit aber nicht. „Von den Eltern und älteren Bewohnern unseres Ortes hörten wir Kinder oft `jetzt ist es bald vorbei`, es war aber nicht ratsam, es laut von sich zu geben, denn man hörte immer wieder von Hinrichtungen sogenannter `Feiglinge` oder `Verräter`, hauptsächlich durch die SS“, erinnert sich Karl Wünsch.

Verblassen zwar viele Lebenseindrücke über die Jahre, sind Karl Wünsch aber besonders die nächtlichen Bombenangriffe auf München, die „Hauptstadt der Bewegung“ – ein damals geläufiger nationalsozialistischer Propagandabegriff- bis heute in Erinnerung geblieben. „Von dem Ort, in dem ich meine Kindheit und Schulzeit verbrachte, konnte man nachts bei klarer Sicht, es sind etwa 30 Kilometer Luftlinie, das grausige Feuerwerk beobachten. Wenn die `Pfadfinder` der Bomberstaffel ihre `Christbäume` setzten, um den nachfolgenden Bomberwellen den Weg zum Abwurfziel zu weisen oder wenn die Flugabwehr einen `Terrorflieger` mit einem hellen Feuerschein versehen, vom Himmel holte“, berichtet er eindrucksvoll.

Ihm wurde schon damals klar, dass viele unschuldige Menschen nicht nur ihr Hab und Gut, sondern auch ihr Leben verloren. „Aber als Zehnjähriger konnte ich noch nicht das ganze Ausmaß der Zerstörung und der sich abspielenden Tragödien in den Bombennächten begreifen“, hält Karl Wünsch kurz inne.

Gerade in den letzten Kriegswochen war es nicht ungefährlich, sich sorglos im Freien aufzuhalten, da die gellenden Sirenen oft zu spät vor einem Fliegeralarm warnten. „Da waren dann urplötzlich Tiefflieger über uns, die wie Raubvögel auf ihre Beute herabstießen und auf alles schossen, was sich am Erdboden bewegte. Der nahe Fliegerhorst in Mietraching war oft Ziel von solchen Angriffen, die wir bei Tag aus sicherem Versteck heraus beobachteten“, schildert Karl Wünsch seine Erinnerungen.

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Da in dieser Zeit an einen regelmäßigen Schulunterricht nicht zu denken war, beobachteten die Kinder tagsüber die unzähligen Bombergeschwader, die „von Süden her in das `Reich` einflogen, deren große Flugzeuge silbern im Sonnenlicht glänzten und am Himmel mächtige Kondensstreifen nach sich zogen“, berichtet der Zeitzeuge.

Ein besonders einprägsames Erlebnis war für Karl Wünsch der Einmarsch der Amerikaner in seinen damaligen Wohnort Beyharting.

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Es muss laut seinen Erinnerungen um den 2. Mai 1945 gewesen sein, da wurde der damals Zehnjährige zu Besorgungen in das nahegelegene Dorf geschickt. „Es war ein kühler Tag“, erinnert sich Wünsch noch ganz genau, „denn ich lief barfuß und bekam kalte Füße. Mir war nicht wohl bei der Sache, aber wir Kinder waren es gewohnt zu gehorchen, also ging ich los“.

Als er das erste Haus am Ortseingang erreicht hatte, begegnete ihm sein geschätzter Oberlehrer. „Wie ich es gewohnt war, begrüßte ich ihn erhobenen Armes und mit einem lauten `Heil Hitler` und war wie vom Blitz getroffen, als der alte Mann, ein Kriegsinvalide aus dem Ersten Weltkrieg, mir hinter vorgehaltener Hand zuflüsterte `Bub, sei still, die Amerikaner sind gleich da`“, erzählt Wünsch.

Und tatsächlich konnte der kleine Karl das Rasseln der Kettenfahrzeuge schon von Weitem hören. „Meine Neugier war stärker als die Angst und so lief ich weiter. Da bog urplötzlich ein stählernes Ungetüm von einem Panzer mit einem großen weißen Stern in die Straße ein, flankiert von amerikanischen Soldaten. Dazwischen ein Jeep mit schwerem Maschinengewehr bestückt, an welchem ein grimmig dreinschauender dunkelhäutiger Soldat stand. Plötzlich stoppte die Kolonne und genau dieser Soldat sprang vom Fahrzeug und kam auf uns Kinder zu, denn wir standen in einer kleinen Gruppe am Straßenrand. Wir waren alle wie erstarrt, war es doch das erste Mal, dass wir einen `echten schwarzen Mann`, der obendrein noch schwerbewaffnet und mit seiner beeindruckenden Größe für uns Kinder einem Kleiderschrank glich, zu sehen. Gleichsam staunten wir nicht schlecht, als gerade dieser G.I. freundlich lächelnd fragte, wo `deutsche Soldaten` seien. Wir wussten natürlich gleich Bescheid, ließen uns aber nichts anmerken.

Inzwischen kam zu unserer Erleichterung eine größere Gruppe deutscher Wehrmachtssoldaten, die sich seit längerem im Ort und der Umgebung aufhielten, unbewaffnet anmarschiert, um sich den Amerikanern zu ergeben. Ich vermute, sie wurden danach zum nahen Fliegerhorst gebracht, wo bekanntlich ein großes Kriegsgefangenenlager eingerichtet wurde“, so die eindrucksvollen Schilderungen Karl Wünsch`s.

Überhaupt waren die amerikanischen Soldaten seiner Meinung nach recht kinderfreundlich, „bekamen wir doch ab und zu Schokolade zugesteckt oder einen Kaugummi, den wir bis dato gar nicht kannten“.

 

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(Text/Foto Wolf/Archivbuidl mit freundlicher Genehmigung vom Wünsch, Karl)

Anm. der Redakteurin: Danke, lieber Karl für diese spannenden, mahnenden und gleichsam eindrucksvollen Kindheitserinnerungen. J.W.

 

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